Long Covid: Forschende aus Hannover entdecken Auffälligkeit in Immunzellen

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Millionen Menschen in Deutschland leben mit Long COVID – und die Wissenschaft steht noch immer vor einem großen Rätsel: Warum erholen sich manche Menschen nach einer Corona-Infektion nicht? Eine neue Studie aus Hannover liefert jetzt einen wichtigen Hinweis. Das Forschungsteam hat in bestimmten Immunzellen eine Auffälligkeit entdeckt, die offenbar mit typischen Long-COVID-Beschwerden wie Erschöpfung und Atemproblemen zusammenhängt.

Kurz erklärt: Worum geht es?

Bis zu zehn Prozent aller Menschen, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, entwickeln Long COVID. Das bedeutet: Wochen, Monate oder sogar Jahre nach der eigentlichen Infektion leiden sie weiterhin unter Beschwerden – obwohl das Virus längst aus dem Körper verschwunden ist.

Die häufigsten Symptome sind extreme Müdigkeit (Fatigue), Konzentrationsprobleme („Brain Fog“), Atemnot und neurologische Beschwerden. Das Tückische: Bei jeder betroffenen Person kann sich Long COVID anders äußern. Deshalb ist es für die Forschung so schwierig, die genauen Ursachen zu finden.

Professorin Yang Li, die die Studie geleitet hat, bringt es so auf den Punkt: Die Wissenschaft versucht gerade, ein riesiges Puzzle zusammenzusetzen – aber die meisten Teile fehlen noch. Ihre Studie hat jetzt ein wichtiges neues Puzzleteil gefunden.

Was genau wurde untersucht?

Das Team vom Zentrum für Individualisierte Infektionsmedizin (CiiM) in Hannover hat Blutproben von Long-COVID-Patientinnen und -Patienten analysiert. Dabei haben sie sich auf eine ganz bestimmte Art von Immunzellen konzentriert: die sogenannten Monozyten. Das sind weiße Blutkörperchen, die normalerweise dafür zuständig sind, Krankheitserreger zu erkennen und zu bekämpfen – sozusagen die Streifenpolizisten unseres Immunsystems.

Das Besondere an dieser Studie: Die Forschenden haben nicht einfach nur geschaut, welche Zellen vorhanden sind, sondern sie haben quasi ins Innere jeder einzelnen Zelle hineingezoomt. Mit einem modernen Verfahren namens „Einzelzell-Multiomics“ konnten sie den molekularen Zustand jeder Zelle genau erfassen – also gewissermaßen nachschauen, was in der Zelle gerade passiert und wie sie „gestimmt“ ist.

Außerdem haben die Forschenden die Patientendaten nach einem klugen Prinzip sortiert: Sie haben berücksichtigt, wie schwer die ursprüngliche Corona-Erkrankung verlaufen war. Denn je nachdem, ob jemand einen milden oder schweren Verlauf hatte, reagiert das Immunsystem unterschiedlich – und genau das kann für die Entstehung von Long COVID eine Rolle spielen.

Das zentrale Ergebnis: Eine Immunzelle im Ausnahmezustand

Und tatsächlich fanden die Forschenden etwas Auffälliges: Bei Long-COVID-Betroffenen befanden sich bestimmte Monozyten in einem ungewöhnlichen Zustand. Das Team nannte diesen Zustand „LC-Mo“ (kurz für „Long-COVID-Monozyt“).

Was bedeutet das konkret? Man kann sich das so vorstellen: Normalerweise haben Immunzellen nach einer überstandenen Infektion ihren Job erledigt und kehren in einen Ruhezustand zurück. Bei den LC-Mo-Zellen scheint das aber nicht zu passieren. Sie bleiben in einer Art Alarmzustand – und dieses „Daueralarm-Signal“ scheint den Körper in einen Zustand chronischer Entzündung zu versetzen.

Die Forschenden konnten außerdem zeigen, dass dieser Zellzustand mit messbaren Folgen einhergeht:

  • Im Blut der betroffenen Personen waren erhöhte Entzündungswerte nachweisbar (sogenannte Zytokine – das sind Botenstoffe, die Entzündungsreaktionen im Körper antreiben).
  • Der LC-Mo-Zustand hing direkt mit der Schwere von Fatigue und Atemproblemen zusammen: Je ausgeprägter der auffällige Zellzustand, desto stärker die Beschwerden.
  • Besonders betroffen waren überraschenderweise Menschen, die zuvor nur einen milden bis moderaten Corona-Verlauf hatten – also nicht die schwer Erkrankten.

Was bedeutet das für Betroffene?

Zunächst einmal: Diese Studie liefert noch keine Therapie. Was sie aber liefert, ist ein besseres Verständnis dafür, was im Körper von Long-COVID-Betroffenen auf molekularer Ebene passiert. Und das ist ein wichtiger Schritt.

Denn nur wenn die Wissenschaft versteht, warum das Immunsystem bei Long COVID aus dem Takt gerät, können gezielt Therapien entwickelt werden. Der neu entdeckte LC-Mo-Zustand könnte in Zukunft zum Beispiel als Biomarker dienen – also als messbarer Hinweis im Blut, der Ärztinnen und Ärzten hilft, Long COVID früher zu erkennen oder verschiedene Formen der Erkrankung voneinander zu unterscheiden.

Außerdem eröffnet die Entdeckung Wege für die individualisierte Medizin: Wenn klar ist, welcher molekulare Mechanismus bei einer bestimmten Person hinter den Beschwerden steckt, kann die Behandlung künftig viel gezielter erfolgen.

Über die Studie hinaus: Auch für andere Erkrankungen relevant

Studienleiterin Yang Li betont, dass die Erkenntnisse möglicherweise nicht nur für Long COVID wichtig sind. Auch nach anderen Infektionskrankheiten – etwa Influenza oder dem Epstein-Barr-Virus – entwickeln manche Menschen langanhaltende Beschwerden. Wenn die Wissenschaft versteht, wie Immunzellen nach einer Corona-Infektion in einen Daueralarmzustand geraten, könnte das auch bei diesen Erkrankungen helfen.

   Die Studie auf einen Blick

   Wer: Zentrum für Individualisierte Infektionsmedizin (CiiM), Hannover – eine Einrichtung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung und der Medizinischen Hochschule Hannover

   Was: Entdeckung eines auffälligen Zustands in Immunzellen (Monozyten), der mit Long-COVID-Symptomen zusammenhängt

   Methode: Einzelzell-Multiomics – eine Methode, mit der man in einzelne Zellen „hineinschauen“ kann

   Veröffentlicht in: Nature Immunology (Januar 2026)

Quelle

Kumar, S. et al.: Einzelzell-Multiomics-Studie zu molekularen Mechanismen bei Long COVID. In: Nature Immunology, Januar 2026.

Pressemitteilung: Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) / Zentrum für Individualisierte Infektionsmedizin (CiiM), 29.01.2026: „Wie entsteht Long COVID? Neuer Mosaikstein gefunden“.

Beteiligte Institutionen: CiiM (Hannover), Medizinische Hochschule Hannover (MHH), University of Virginia (USA).

Förderung: ERC Starting Grant (ModVaccine), COFONI, CAIMed, Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).